Wien. In der Affäre um seinen Abgang aus dem ORF geht Ex-Generaldirektor Roland Weißmann in die Offensive. In einem dreiseitigen Brief an den Stiftungsrat und Generaldirektorin Ingrid Thurnher, der oe24 vorliegt, spricht er von einer grundlegend veränderten Faktenlage.
Hintergrund sind neue Erkenntnisse aus den laufenden Ermittlungen gegen eine ORF-Mitarbeiterin und deren Anwalt. Weißmann fordert deshalb eine Neubewertung jener Vorgänge, die im März zu seinem Rücktritt und später zur Kündigung seines Dienstverhältnisses geführt hatten. Einen entsprechenden Antrag habe er bereits bei der ORF-Compliance eingebracht.
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3.820 Chats und 17 Tonaufnahmen
Im Mittelpunkt stehen Auswertungen sichergestellter Mobiltelefone. Laut Weißmann enthält ein Zwischenbericht der Staatsanwaltschaft unter anderem 3.820 wechselseitig ausgetauschte Chatnachrichten zwischen ihm und der Mitarbeiterin. Dazu kämen eine Vielzahl sexuell konnotierter Bilder sowie 17 sachverhaltsrelevante Tonaufnahmen, die nach seiner Darstellung heimlich angefertigt worden seien.
Die vollständigen Nachrichten seien ihm selbst nicht mehr vorgelegen und erst auf den Geräten der Mitarbeiterin sichergestellt worden. Für Weißmann ist genau das entscheidend. Das nun vorhandene Material gehe deutlich über jene Kommunikationsausschnitte hinaus, die bei der ursprünglichen Beurteilung seines Verhaltens herangezogen worden seien. "Die heute vorliegenden Fakten decken sich mit meinen Angaben und lassen die Ereignisse in einem völlig neuen Licht erscheinen", schreibt Weißmann. Den gegen ihn erhobenen Vorwurf sexueller Belästigung weist er weiterhin entschieden zurück.
Gegen die Mitarbeiterin und ihren Anwalt wird unter anderem wegen des Verdachts der schweren Erpressung sowie der missbräuchlichen Verwendung von Tonaufnahmegeräten ermittelt. Für sämtliche Beschuldigten gilt die Unschuldsvermutung.
Weißmann kritisiert Vorgehen des ORF
In seinem Schreiben rollt Weißmann auch die Tage vor seinem Ausscheiden noch einmal auf. Seinen Rücktritt am 8. März bezeichnet er ausdrücklich als nicht freiwillig. Eine Mitarbeiterin habe über ihren Anwalt damit gedroht, mit den von ihm stets bestrittenen Vorwürfen an die Öffentlichkeit zu gehen. Der daraus entstandene Druck sei von der damaligen Stiftungsratsspitze an ihn weitergegeben worden.
Besonders kritisiert Weißmann, dass am 12. März ein Schreiben der Mitarbeiterin im Stiftungsrat verlesen worden sei, während er seine eigene Sicht dort nicht habe darlegen können. Schon damals habe er auf mögliche strafrechtlich relevante Aspekte hingewiesen. Der ORF hätte seiner Ansicht nach den gesamten Sachverhalt prüfen müssen.
Auch das weitere Vorgehen der damaligen ORF-Spitze greift Weißmann scharf an. Er habe dem Rücktritt zugestimmt, um Schaden vom Unternehmen fernzuhalten und eine nicht öffentliche Prüfung zu ermöglichen. Dennoch sei danach eine Presseaussendung veröffentlicht worden. Aus seiner Sicht habe das eine öffentliche Vorverurteilung ausgelöst.
Vorwürfe gegen weiteren ORF-Mitarbeiter
In dem Brief erhebt Weißmann auch Vorwürfe gegen einen nicht namentlich genannten Vorgesetzten der Mitarbeiterin. Die Auswertungen würden ein erstes Licht auf eine langjährige Beziehung werfen, die laut Weißmann von wirtschaftlicher Abhängigkeit geprägt gewesen sei. Über mögliche Motive wolle er ausdrücklich nicht spekulieren. Medial war in diesem Zusammenhang bereits der frühere ORF-Manager Pius Strobl genannt worden.
Strobl und die Mitarbeiterin hatten entsprechende Vorwürfe zurückgewiesen. Weißmann sieht nun auch die damalige Führung des ORF gefordert. Die neu vorliegenden Informationen würden aus seiner Sicht die Frage aufwerfen, ob im März voreilige und letztlich falsche Schlüsse gezogen worden seien.
ORF-Compliance soll neue Akten prüfen
Der Ex-Generaldirektor will der ORF-Compliance den ihm vorliegenden Akteninhalt des Ermittlungsverfahrens zur Verfügung stellen, soweit dies rechtlich zulässig ist. Gleichzeitig bietet er Generaldirektorin Thurnher und den Mitgliedern des Stiftungsrats an, über seinen Anwalt persönlich Einsicht in den bisherigen Ermittlungsstand zu nehmen.
Dabei geht es Weißmann auch um die Aufarbeitung seines eigenen Ausscheidens. "Ich habe 32 Jahre für den ORF gearbeitet, er war meine berufliche Heimat und ein großer Teil von meinem Leben und meiner Identität", hält er in dem Brief fest. Seine Tätigkeit sei innerhalb weniger Tage auf Basis von Vorwürfen beendet worden, die aus seiner heutigen Sicht falsch und manipulativ zusammengestellt gewesen seien.
Sein Ziel sei es nun, den Führungsorganen des ORF ein aus seiner Sicht vollständiges Bild zu geben und damit auch das öffentliche Bild seiner Person zu korrigieren. Für eine gemeinsame Lösung habe er sich nach seinem Ausscheiden weiter gesprächsbereit gezeigt. Diese Gesprächsbereitschaft sei bislang nicht erwidert worden.
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